Als behinderter Mensch ist man leider gezwungen, für jede auch nur kleine Überwindung von Raum und Zeit viel zu organisieren. Ob das nun nur innerhalb der Stadtgrenzen ist oder auch weiter weg. Alles muss abgesprochen werden.
So auch heute, respektive Mittwoch. Ich will bzw. jetzt wollte, nach Hamburg mit meiner Schwester fahren. Es sind Ferien und ein Ausflug ist da ganz gut angebracht. Also heute zum Bahnhof gefahren um alles abzusprechen. Denn wenn man mit einem 300kg-Elektro-Rollstuhl mit der Bahn fahren will, ist das in etwa so viel Aufwand wie ein Klavier mit selbiger zu transportieren. Da müssen genug Umsteigezeiten an den Bahnhöfen sein. Es dürfen keine alten Regionalzüge sein, die zu eng sind bzw. Stufen besitzen. In den Bahnhöfen muss mit dem Mobilitätsdienst der DB gesprochen werden, dass sie auch rechtzeitig da sind.
So weit, so gut. All dies sprach ich also heute Morgen ab. Mittags erhielt ich dann die Nachricht, dass alles geklärt werde. Von Hameln also mit der S-Bahn nach Hannover, von dort über Uelzen nach Hamburg. Abgesehen davon das auf dem Rückweg keine Hilfe in Hannover zur Verfügung steht, sah alles in Ordnung aus. Nun erhielt ich gerade einen Anruf und möchte hier sofort klarstellen: SCHEISS AUF DIE DEUTSCHE BAHN! SCHEISS AUF S21!!!!
Warum? Ganz einfach: In Uelzen ist der Aufzug kaputt und so ist es nicht möglich, als Rollstuhlfahrer das Gleis zu wechseln. Ich meine, wenn es einen Tag vorher passiert, kann man halt nichts machen. Aber auf Nachfrage stellte sich heraus, dass dieser Aufzug seit mittlerweile zwei, in Zahlen 2, Wochen außer Betrieb ist. Andere Reisemöglichkeiten gibt es nicht. Außer man nimmt den ICE, der dann für einen Schüler aber doch das Ausflugsbudget überschreitet.
Anstatt in Stuttgart einen Bahnhof für Milliarden zu bauen, würde es schon reichen, wenn im Verkehrsnetz der DB einfach mal die Aufzüge funktionieren würden.
Übrigens: Das ist nicht das erste Mal das ich wegen Aufzüge eine Reise ändern/ausfallen lassen muss.
Im nächsten Post lest ihr: Wie Behinderte in Deutschland doppelt zahlen müssen, um Kultur zu erleben.
Was ich will
Es gibt viele Menschen, die sehnen sich nach Aufmerksamkeit, nach Beachtung, einer aufmerksamen Frage oder ein lieb gemeintes Hilfsangebot. All dies wünsche ich mir nicht. Ganz im Gegenteil, lieber wäre es mir,wenn dies in einer geringeren Zahl passieren würde. Warum?
Als Rollstuhlfahrer bewegt man sich ständig wie auf einer großen Bühne, zumindest in der alltäglichen Öffentlichkeit. Ob dies nun der Wochenmarkt, die Fußgängerzone, die Schule oder einfach der Aldi ist. An all diesen Orten, ist man ein Fremdkörper in einer doch normgerechten Welt. Es ist schlicht nicht normal, dass dort ein Jugendlicher, mit Jeans, einem coolen T-Shirt und Kopfhörern im Ohr im Rollstuhl sitzt. Irgendwas passt da nicht. Entweder diese Person ist ein Behinderter, dafür sieht sie aber nicht geistig verwirrt genug oder körperlich untypisch aufgebaut aus, oder sie ist ein Jugendlicher, wofür es nicht notwendig ist im Rollstuhl zu sitzen. Nun gibt es noch eine weitere Möglichkeit. Diese Person, hat ein gebrochenes Bein oder ähnliches und sitzt daher nur für eine bedingte Zeit in seinem fahrbaren Untersatz. Problem: Hierfür ist wiederum der E-Rolli überdimensioniert. Also entscheidet sich der Passant dafür, dem untypischen Objekt seine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken.
Szenenwechsel: Klassenfahrt einer zwanzigköpfigen Schulklasse, darunter ein Rollstuhlfahrer. Wir befinden uns vor einem Museum oder ähnlicher Attraktion. Die Klasse, welche gerne in diese Attraktion gehen möchte stellt fest, dass der Rollstuhlfahrer nicht hinein kommen kann. Nun beschließt der Lehrer sofort, dass die gesamte Klasse also eine Alternative besuchen wird, obwohl der Rollstuhlfahrer angeboten hat, sich die Zeit selbst zu vertreiben/zu warten. Auch dies ist eine aus meiner Sicht überhöhte Aufmerksamkeit.
Ich als Behinderte möchte so wenig Umstände wie möglich für andere Personen bereiten. Das meine gesamte Klasse vielleicht auf einen Ausflug verzichten muss, steht in keinem Verhältnis dazu, dass eine Person nicht daran teilnehmen kann (natürlich nur wenn diese selbst sagt, dass sie darauf verzichten würde). Auch wenn es unbewusst ist, so ärgern sich die Mitschüler darüber. Indirekt zieht also der Behinderte den Gräuel der Mitschüler auf sich, auch wenn diese es sich selbst nicht mal eingestehen würden.
Ich als Rollstuhlfahrer will aber gar keine Extra-Wurst, ich will keine Extra-Aufmerksamkeit – ich will nur normal wahrgenommen werden!!!
Wenn ich Probleme habe oder Hilfe benötige, dann bin ich fähig diese zu äußern/darum zu bitten. Ein spezielles Objekt, dass von jedem begutachtet werden muss bin ich auch nicht. Ich möchte nur durch die Stadt fahren und nicht überlegen müssen, wie ich mich gerade repräsentiere, denn:
Bei einer höheren Aufmerksamkeit fällt jede Kleinigkeit größer ins Gewicht. Gut zu sehen ist das bei Superstars. Ist dort irgendetwas nicht so gestylt wie immer, steht es am nächsten Tag im Boulevard. Ähnlich geht es mir auch. Es ist schon schwierig genug, akzeptiert zu werden und dem Gegenüber verständlich zu machen, dass er mit mir wie mit einem normalen Menschen sprechen kann. Ihn dann noch dazu überzeugen, dass er auch ein normales geistiges Niveau voraussetzen kann, fällt umso schwerer. Hat der Gegenüber, eine mir fremden Person, aber am Anfang der Konfrontation (bspw. schon beim Blickkontakt) ein Indiz entdeckt, dass ihn darauf schließen lässt, dass ich eben nicht nur im Rollstuhl sitze, sondern gar geistig behindert bin, wird es schwierig, dieses Bild wieder zu revidieren.
Daher fällt es mir persönlich sehr schwer, Hilfsangebote in der Öffentlichkeit anzunehmen. Dies lässt ein Bild von Abhängigkeit ausstrahlen. Gehe ich aber selber auf eine Person zu und bitte sie um einen Gefallen, so bin ich der Aktive und damit das handelnde und denkende Individuum, das mit seiner Umgebung interagiert. Die Außenwirkung ist daher eine völlig andere und für einen Rollstuhlfahrer sehr wichtig. Nur wenn ich „normal“ wahrgenommen werde, kann ich in der Gesellschaft, der Masse unter- bzw. eintauchen. Erst dann kann durch andere, viel persönlichere Dinge aus der Masse herausstechen. Erst dann sind Leistungen und Charaktermerkmale vom Hintergrund der Behinderung losgelöst und können wie bei jedem Mensch unabhängig vom Körper des Gegenübers bewertet werden.
Ich will einfach nur normal Wahrgenommen werden…