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Was ich will

10. Juni 2011

Es gibt viele Menschen, die sehnen sich nach Aufmerksamkeit, nach Beachtung, einer aufmerksamen Frage oder ein lieb gemeintes Hilfsangebot. All dies wünsche ich mir nicht. Ganz im Gegenteil, lieber wäre es mir,wenn dies in einer geringeren Zahl passieren würde. Warum?

Als Rollstuhlfahrer bewegt man sich ständig wie auf einer großen Bühne, zumindest in der alltäglichen Öffentlichkeit. Ob dies nun der Wochenmarkt, die Fußgängerzone, die Schule oder einfach der Aldi ist. An all diesen Orten, ist man ein Fremdkörper in einer doch normgerechten Welt. Es ist schlicht nicht normal, dass dort ein Jugendlicher, mit Jeans, einem coolen T-Shirt und Kopfhörern im Ohr im Rollstuhl sitzt. Irgendwas passt da nicht. Entweder diese Person ist ein Behinderter, dafür sieht sie aber nicht geistig verwirrt genug oder körperlich untypisch aufgebaut aus, oder sie ist ein Jugendlicher, wofür es nicht notwendig ist im Rollstuhl zu sitzen. Nun gibt es noch eine weitere Möglichkeit. Diese Person, hat ein gebrochenes Bein oder ähnliches und sitzt daher nur für eine bedingte Zeit in seinem fahrbaren Untersatz. Problem: Hierfür ist wiederum der E-Rolli überdimensioniert. Also entscheidet sich der Passant dafür, dem untypischen Objekt seine erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken.

Szenenwechsel: Klassenfahrt einer zwanzigköpfigen Schulklasse, darunter ein Rollstuhlfahrer. Wir befinden uns vor einem Museum oder ähnlicher Attraktion. Die Klasse, welche gerne in diese Attraktion gehen möchte stellt fest, dass der Rollstuhlfahrer nicht hinein kommen kann. Nun beschließt der Lehrer sofort, dass die gesamte Klasse also eine Alternative besuchen wird, obwohl der Rollstuhlfahrer angeboten hat, sich die Zeit selbst zu vertreiben/zu warten. Auch dies ist eine aus meiner Sicht überhöhte Aufmerksamkeit.

Ich als Behinderte möchte so wenig Umstände wie möglich für andere Personen bereiten. Das meine gesamte Klasse vielleicht auf einen Ausflug verzichten muss, steht in keinem Verhältnis dazu, dass eine Person nicht daran teilnehmen kann (natürlich nur wenn diese selbst sagt, dass sie darauf verzichten würde). Auch wenn es unbewusst ist, so ärgern sich die Mitschüler darüber. Indirekt zieht also der Behinderte den Gräuel der Mitschüler auf sich, auch wenn diese es sich selbst nicht mal eingestehen würden.

Ich als Rollstuhlfahrer will aber gar keine Extra-Wurst, ich will keine Extra-Aufmerksamkeit – ich will nur normal wahrgenommen werden!!!
Wenn ich Probleme habe oder Hilfe benötige, dann bin ich fähig diese zu äußern/darum zu bitten. Ein spezielles Objekt, dass von jedem begutachtet werden muss bin ich auch nicht. Ich möchte nur durch die Stadt fahren und nicht überlegen müssen, wie ich mich gerade repräsentiere, denn:

Bei einer höheren Aufmerksamkeit fällt jede Kleinigkeit größer ins Gewicht. Gut zu sehen ist das bei Superstars. Ist dort irgendetwas nicht so gestylt wie immer, steht es am nächsten Tag im Boulevard. Ähnlich geht es mir auch. Es ist schon schwierig genug, akzeptiert zu werden und dem Gegenüber verständlich zu machen, dass er mit mir wie mit einem normalen Menschen sprechen kann. Ihn dann noch dazu überzeugen, dass er auch ein normales geistiges Niveau voraussetzen kann, fällt umso schwerer. Hat der Gegenüber, eine mir fremden Person, aber am Anfang der Konfrontation (bspw. schon beim Blickkontakt) ein Indiz entdeckt, dass ihn darauf schließen lässt, dass ich eben nicht nur im Rollstuhl sitze, sondern gar geistig behindert bin, wird es schwierig, dieses Bild wieder zu revidieren.

Daher fällt es mir persönlich sehr schwer, Hilfsangebote in der Öffentlichkeit anzunehmen. Dies lässt ein Bild von Abhängigkeit ausstrahlen. Gehe ich aber selber auf eine Person zu und bitte sie um einen Gefallen, so bin ich der Aktive und damit das handelnde und denkende Individuum, das mit seiner Umgebung interagiert. Die Außenwirkung ist daher eine völlig andere und für einen Rollstuhlfahrer sehr wichtig. Nur wenn ich „normal“ wahrgenommen werde, kann ich in der Gesellschaft, der Masse unter- bzw. eintauchen. Erst dann kann durch andere, viel persönlichere Dinge aus der Masse herausstechen. Erst dann sind Leistungen und Charaktermerkmale vom Hintergrund der Behinderung losgelöst und können wie bei jedem Mensch unabhängig vom Körper des Gegenübers bewertet werden.

Ich will einfach nur normal Wahrgenommen werden…

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3 Kommentare leave one →
  1. Donnie permalink
    12. Juni 2011 23:16

    Ich verstehe deine Ansicht zwar, finde aber, dass jemand dem geholfen wird als wäre es das normalste der Welt (z.B. Busrampe ausklappen, bei uns in der Stadt klappt das recht gut, dass Passanten die Klappe von selbst öffnen wenn jemand mit Rolli in den Bus will) viel weniger auffällt, als jemand der extra nachfragen muss.

  2. 13. Juni 2011 10:27

    Wenn es eine Selbstverständlichkeit ist, etwas das automatisiert passiert, ist natürlich nicht schlecht. Probleme ergeben sich halt dann, wenn ich mich als Rollstuhlfahrer erklären muss. Generell möchte eben ich der aktive sein, der auf jemanden zugeht und um Hilfe bittet. Dann kann ich selbst entscheiden, ob ich sie brauche/will oder ob ich es erstmal selber probiere. Denn vieles bekomme ich als Rollifahrer auch selber hin, wenn man mir genug Zeit gibt. Was ich selber kann, will ich auch selber machen, auch wenn es vll. länger dauert ;-)

  3. 11. August 2011 22:01

    Danke für diesen tollen Eintrag!

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